500 km ohne Knoppers ...

Sonntag, es ist kurz nach 14 Uhr. Der Kurzurlaub ist vorbei. Die Autobahn ist leer. Der Wagen schnurzt. Die Kinder schlafen. Im Radio läuft „Die Jahresuhr" von Rolf Zuckowski.


Ein idealer Tag für eine Heimfahrt. Noch ahnt niemand, was sich in nur wenigen Kilometern abspielen wird. Während die Kinder im Wagen erwachen und nach Knoppers und anderen Nahrungsmittel schreien, entschließe ich mich, einen Parkplatz anzusteuern. Wahrscheinlich wäre es pädagogisch eher sinnvoll gewesen den Kids auf der Rückbank nicht jeden Wunsch zu erfüllen, aber 500 km ohne Wasser und ein Knoppers kann dann doch schon anstrengend werden ... Vom ständigen Gequengel abgesehen.


Also ab auf den Parkplatz. Ich rufe ihnen hinterher: „Aber beeilt euch, wir müssen heute Abend noch zur Pfadfinderjahresabschlussklausurtagungsversammlung!", als die Beiden auf die Toilette zustürmen.


Während ich auf dem verlassenen Parkplatz stehe fällt mir plötzlich ein, dass ich in diesem Urlaub noch kein einziges Photo geschossen habe. Aber wo zum Teufel ist die Digicam? Im Kofferraum finde ich sie schließlich zwischen Paletten von Knoppers und Kisten Stark-Bier („Die Große wird schließlich im Frühling 8!").


„Knipps", ein Bild gemacht. Zwar nicht gerade die Urlaubsatmosphäre schlecht hin, aber wenigstens ein Bild vom Wagen. Zum Prahlen vor den Kollegen reicht es.


Als die Gören zurück sind, sitze ich bereits startklar im Wagen. Nachdem Onkel Rolf alle Monate durchgesungen hat, lege ich die aktuelle von den „American Tourists" rein. Der BMW 320d (20.000 km gefahren) scheint die Mucke der Band aus Neumünster nicht zu gefallen: Der Wagen startet nicht mehr.
Ich drücke den Startknopf - nichts passiert. Etliche Wiederholungen inklusive „Sooo jetzt steigen wir alle mal aus, verriegeln den Wagen und steigen wieder ein!", führen zum selben Resultat. Nämlich zu keinem. Wir stehen dort. Auf einem einsamen Parkplatz. Von der Welt vergessen. Ohne Heizung. Die russische Kälte klirrt an den Scheiben.


Ich rufe beim Notfallservice der Bayrischen Motoren Werke an. Ein Call-Center-Agent gibt mir Tipps, die ich auch schon probiert hatte. Keine Besserung. Er verbindet mich.
Ein älterer Mann meldet sich. Er spricht stark bayrisch. Ich habe Mühe ihn zu verstehen. Wahrscheinlich sitzt er in irgendeinem Inzest-Dorf in Bayern, hoch oben in seiner Berghütte am Kamin. Seine Frau (sie trägt eine Tracht!) bringt ihm gerade eine Maß ...
Auch er kann mir nicht helfen. Verdammt. Doch Rettung naht, er schickt einen Mitarbeiter. Eine Stunde Wartezeit wird prognostiziert. Bei diesen Temperaturen geht es um Minuten.


Wir warten.


Ich entscheide mich, den Wagen zu verlassen und es mir auf dem Parkplatz-Klo gemütlich zu haben. Ich nehme also mein Handelsblatt sowie den Immobilien-und Finanzteil der FAS und gehe. Als ich zurückkomme, sehe ich, wie ein BMW-Service-Mitarbeiter an meinem Auto steht. Die Fahrertür ist offen. Er spricht mit den Kindern. Aus der Ferne sehe ich, wie er sich winkend verabschiedet und in seinen BMW-Jeep steigen will.


Ich beginne zu laufen und kann den Fahrer gerade noch so stoppen. Ich stelle ihn zur Rede: „Ihre Kinder haben gesagt, dass schon wieder alles okay ist, mich braucht hier keiner mehr!".


Ich schaue ins Auto. Die Kinder schauen unschuldig in ihre Fibel. Bei einem Test stellt sich schnell heraus, dass sich an der Lage nichts verändert hat. Die Zündung gibt keinen Ton von sich. Schön, dass die Kinder nun auch schon anfangen zu scherzen, denke ich so bei mir - und ehrlich gesagt: Dieser Gag machte mich ein wenig stolz.


Der „blaue Engel" geht zunächst ums Auto herum, betrachtet es, so als würde er es eventuell kaufen wollen. Dann probiert er es zu starten. Kein Erfolg. Er macht die Motorhaube auf, zieht an einem Kabel und sagt, dass er da nicht viel machen könnte. Abschleppen. Aber halt! Eine Idee hat er noch. Er klemmt die Batterie ab und danach - man soll es kaum glauben - startet der Wagen. Er empfiehlt uns durchzufahren, den Motor nicht auszumachen. Klingt erstmal ein bisschen komisch.


Mir war auch ein wenig unwohl, als ich abends im Gottesdienst war und draußen den Diesel leise brummen hörte und auch das Essen auf dem Burger King-Parkplatz bei laufendem Motor ist ungewohnt. All dies ist von Dekadenz nicht zu übertreffen.


Doch was soll ich sagen, die Fahrt endete am Abend doch noch gut und gesund. Und das, liebe Leser, ist doch das Wichtigste ... oder?

 

Gute Fahrt!
Wünscht Ihnen Ihr
Herr Poschinger

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