Busfahrer Günther

Sie haben es doch eigentlich nicht schwer. Sie sitzen den ganzen Tag hinterm Lenkrad, dürfen große Geschosse fahren, quatschen mit vielen Leuten, fahren im Sommer mit geöffneten Türen und nehmen Bekannte und Freunde auch gerne mal umsonst mit. Einige von ihnen fahren sogar dorthin, wo andere Urlaub machen: Busfahrer.

Doch nein, liebe Leser, ganz so schön ist es dann doch nicht. Der typische Reisebusfahrer, nennen wir ihn Günther, hat es nicht immer leicht. In später Nacht (gegen 3 Uhr) holt er seinen Bus aus der Garage, kontrolliert noch mal alles und fährt dann los, um die Gäste aus den einzelnen Städten und Dörfern abzuholen. Günther ist heute nicht so gut gelaunt, weil seine Dusche so früh am Morgen noch keine Lust auf warmes Wasser hatte ...

Die ersten Gäste. Günther hievt hilfsbereit die Koffer und Taschen in den Gepäckraum und erinnert sich bei der Begrüßung eventuell an das ein oder andere Gesicht („Och ne, nicht DER schon wieder!"). Nach einer guten Stunde sind alle Urlauber im Bus und nun kann die eigentliche Tour endlich starten. Der Nadelstreifen-Reiseleiter begrüßt herzlich die Gäste und erklärt einzelne Knöpfe und die Möglichkeiten, wie man den Sitz verstellen kann. Erste Witze vom selbigen kommen bei den Gästen gemischt gut an, Günther ist noch immer sauer – die kalte Dusche.

Während der Fahrt verfallen viele Bustouristen nicht etwa in Müdigkeit. Nein! Ganz im Gegenteil. Man erzählt, berichtet, liest Zeitungen und vor allem Horoskope (!) laut vor, lacht über diverse Kommentare und versucht verzweifelt eine Kommunikation mit dem Cockpit aufzunehmen. Besonders gern mag Günther Vereine oder Sportgruppen. Da geht gleich um 5 Uhr richtig die Post ab: Hoch lebe der Kümmerling! Nur Günther darf nicht mittrinken.

Zwei Stunden Fahrt sind bald erreicht, das bedeutet Pause. Die "Bus-Tippse" (auch Reiseleiter/in) hat in den letzten Minuten Kaffee in der 1x1,50 m großen Busküche gekocht. Die Gäste mögen eben Service! „Einen Euro, bitte! Danke!"

So langsam verlässt man deutsche Gefilde und findet sich in Österreich wieder. Herrliche Landschaften, Berge, Schnee und schöne Häuser verzaubern die Touristen. Günther war hier schon hundert Mal, kennt die Straßen aus dem FF. Mit nahezu allen Gastwirten aus Europa ist er schon per Du. Für ihn ist das eben alles Job. Günthers Laune hat sich verbessert, er freut sich gleich auf sein Hotel, sein Zimmer und sein Bett. Die Gäste, die direkt hinter ihm sitzen, lesen laut staunend die Straßenschilder vor:  „Kufstein, 36 km!, Bäckerei! - Naturschutzgebiet Begrenzer Wald!".

Na ja, immer noch besser als der typische Wetter-Dialog, könnte man denken, doch dieser folgt sofort. Anschließend assoziiert man Gebäude, Gegenden und Straßenzüge mit den Urlaubserlebnissen der vergangen Jahre. Und alles muss sich Günther mit an hören, ob es ihn interessiert oder nicht.

Und zu guter Letzt kommt ein Gast nach vorne und beichtet, dass ihm hinten ein „Malheur" passiert sei. Ihm sind die Serpentinen nicht bekommen, ihm wurde plötzlich schlecht und er musste sich übergeben. Leider war keine Tüte in der Nähe, aber der Platz neben ihm war ja schließlich frei ...  

Als der Bus am späten Nachmittag das Hotel erreicht, ist Günther wahrscheinlich der Glücklichste. Doch seine Freude verblast, als er an der Rezeption erfährt, dass leider nicht genügend Zimmer frei sind, er muss sich mit dem Reiseleiter ein Ehebett teilen. Was für ein Traumjob ...

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