DSDS im Wartezimmer

20.02.2010

Auch wenn die Sonne in diesen Tagen immer wieder zu sehen war: Der Sommer ist noch hin. Was kann man tun um sich die grauen Tage bis dahin zu vertreiben? Ich habe einen heißen Tipp, der faire 10 Euro kostet und unterhaltsamer ist, als jede Kinoschnulze: Das Wartezimmer einer Arztpraxis.

 

Ich empfehle eindeutig Hautarztpraxen, da ist am meisten los. Und: Versuchen Sie einen Platz direkt an der Rezeption zu bekommen, da ist die Chance recht hoch, Einiges mitzubekommen. Ich war vor einigen Tagen in einem solchen Haus und habe dort ganze drei Stunden meines Lebens verbracht. Gelangweilt habe ich mich aber nicht. Das lag zum Einen an der 12-Jährigen, die mir gegenüber saß und die meinen Hass immer mehr auf sich zog. Sie nervte mich nämlich durch ihr schnelles Klicken auf ihrer portable Videospielgeschichte. "Haaach ... Mist!", nuschelte sie immer wieder vor sich hin. Ihr Vater saß seelenruhig neben ihr und las ein Buch. Hätte sie vielleicht auch machen sollen.

 

Neben mir war ein Punk - ein Schlauer - denn er blätterte ebenfalls in einem Buch, stand aber nach einer Stunde plötzlich auf und ging einfach. Die drei Schwestern sahen ihm mit offenen Mund nach, als hätte er gerade eine Bank überfallen ...

 

Bereits nach einigen Minuten habe ich meine NEON beiseite gepackt und meine Lieblingsbeschäftigung gefunden: Leute anstarren, die einen Termin holen wollen und gerade erfahren, dass vor Mai nix mehr frei ist. Die Patienten stehen am Tresen und gucken Schwester Nicole fassungslos an: "Entschuldigung?! Sagten Sie Mai?", "So lange?" ... ein Herr brachte es auf den Punkt: "Aber, aber ... *stotter* ... wir ... wir ... haben doch Februar ...!" Schwester Nicole bleibt ruhig und stimmt zu: "Ja, Februar, richtig!" Großartig.

 

Die meisten stimmen trotzdem zu und lassen sich einen Termin für Mai geben. Manche auch schon für Juni. Dann folgt Stufe 2 des Ganzen: Raten Sie, ob die Person in der Lage ist, ihre/seine Telefonnummer auswendig aufzusagen.

 

Es ist unvorstellbar, wie wenig Leute das können. Ein Jugendlicher stand dort und sagte seine Ziffern an, als hätte er sie sich gerade ausgedacht: "0 - 1 - 5 ... Pause ... Eiiiiins ... Pause ... 5 ... 2 ... lange Pause ... dreiiiiiiii ... ääähm ... 7 ..." Man rufe sich so selten ja selbst an, argumentieren die Menschen und belächeln sanft ihre Unfähigkeit.

 

Den Vogel schoss eine Frau Mitte 40 ab: "Meine Nummer? Muss ich mal nachgucken ... Die habe ich echt nicht im Kopf!" - Schwester Nicole lächelt höflich wie eine geschulte Mitarbeiterin an der Rezeption des Savoy in Mailand. "Warten Sie, ich hab sie aufgeschrieben", die Dame kramt in der Handtasche, findet sie schließlich und sagt sie an: "Also 0341 ... also Leipzig, klar ... dann ... 449 ... dann 449 und dann 49*!" Ich muss mich stark beherrschen um nicht laut loszuprusten. Die Frau hat die leichteste Telefonnummer der Welt und kriegt selbst die nicht auf die Reihe. Hätte mich nicht gewundert, wenn sie noch mal nachgehakt hätte: "Wann war jetzt der Termin?" - "Im Mai" - "Im Mai??? Das sind ja noch Monate hin, wir haben doch Februar ...!"

 

Was mir auch aufgefallen ist: In Wartezimmern wird geflüstert. Und zwar so laut, dass es dann auch wieder jeder hört. Dieses laute Flüstern. "Wir brauchen noch ein Geschenk für Erika", haucht sie. Er blättert gelangweilt weiter und sagt nicht flüsternd "Jaja, die kriegt n Gutschein!". Die Frau schlägt ihrem Göttergatten auf den Schenkel und flüstert: "Nicht so laut!". Laut ist alles drumherum, die Schwestern, die Türklingel, das Telefon - aber nicht ihr Mann.

 

So kann man schon mal einige Stunden rumgekommen. Und wenn gerade mal niemand am Tresen steht, dann warten Sie auf das nächste Telefonklingeln, schließen die Augen und sprechen Sie einfach den Satz des Tages mit, den Nicole zu einer Schwerhörigen ins Telefon brüllt: "Nein, vor Mai ist nichts mehr frei ..."

 

(*Nummer leicht abgeändert)

 

 


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